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Rundbrief August 2025

Vergebung

Margarethe Randow-Tesch

Vergebung - von den Fehlern des Körpers zu den Gedanken des Geistes

Ein häufiger Stolperstein für das Verständnis des Kurses und seine praktische Anwendung ist die Bedeutung der im Kurs verwendeten Begriffe. Im Folgenden soll es exemplarisch um den Begriff der Vergebung gehen, der ja eine zentrale Stellung im Kurs einnimmt. Was Vergebung ist, meinen wir landläufig zu wissen. Doch dann lesen wir Sätze im Kurs, wie: »Du verstehst die Vergebung nicht. Wie du sie siehst, hältst du damit nur offenen Angriff in Schach« (Ü-I.126.6:1-2), »Versuche nicht, ein Urteil über die Vergebung abzugeben noch sie in einen irdischen Rahmen [als Akt zwischen zwei Menschen] einzufassen« (L-2.7:3), »Es gibt keinen einzigen Gedanken auf der ganzen Welt, der zu irgendeinem Verständnis der Gesetze, denen sie nachfolgt, führte … Sie ist der Welt so fremd wie deine eigene Wirklichkeit« (Ü-I.134.13:3) oder »Das Gebet um Vergebung ist … die Bitte, dass du fähig sein mögest, wiederzuerkennen, was bereits dein ist« (T-3.V.6:3). Diese Aussagen kollidieren offensichtlich mit dem, wie wir Vergebung kennen und praktizieren.

Nach unserem westlich geprägten Verständnis, das eindeutig durch unsere Alltagserfahrung gestützt wird, ist die Welt ein Ort, an dem voneinander unabhängige Individuen aufeinandertreffen und dabei im besten Fall ihre gegenseitigen Bedürfnisse erfüllen oder im schlechteren Fall durch bestimmte Taten oder Unterlassungen aneinander schuldig werden. Für diese sichtbare, manifeste Schuld, die jemand anders an uns verübt (oder wir an anderen), ist die Vergebung gedacht. Es bleibt den Beleidigten freigestellt, ob und unter welchen Bedingungen sie sie gewähren. Vergebung ist edel, weil unverdient. Gegenangriff, vielleicht nicht in Taten, aber in Gedanken, ist gerechtfertigt, legitim und verdient. Auf ihn zu verzichten bedeutet ein freiwilliges Opfer des Rechts auf Vergeltung. Dieses Vergebungskonzept – ein dünner Schleier über Angriffsdenken – ist es, was wir kennen und praktizieren.

Eine wesentliche Ursache für Missverständnisse im Zusammenhang mit Vergebung im Kurs ist, dass im gesamten Kurs stillschweigend nach dem Prinzip verfahren wird, »neuen Wein in alte Schläuche« zu gießen. Das heißt: Vertraute Begriffe werden einfach mit anderen Inhalten gefüllt, was Verwirrung zur Folge hat. Diese Inhalte sind mit dem östlichen Denken - den höheren Lehren des Hinduismus oder Buddhismus - verwandt. Wie eben skizziert, siedeln wir Vergebung auf der sichtbaren Ebene der Welt an: »Ich gewähre dir/du gewährst mir Vergebung für unfreundliches Verhalten oder böse Taten«. »Und dann kann eine andere Antwort nur Verwirrung stiften und Ungewissheit sowie Angst erzeugen«, heißt es in den Entscheidungsregeln in einem leicht anderen Zusammenhang (T-30.I.2:6). Diese Antwort lautet, dass wir uns irren, wenn wir nach außen schauen und dort unser Problem und die Antwort ansiedeln. Es reicht nicht! Wir sehen nur die Oberfläche.

Unsere Art zu vergeben gründet auf Außenbeobachtung, das echte Verständnis von Vergebung setzt Innenschau voraus. Vergebung aus dieser Sicht ist ein Geisteswandel, der ohne Demut unmöglich ist: »Hör du nur zu. Denn er wird von jedem gehört werden, der seinen Namen anruft und der die Vergebung in seine Hände legt … Höre zu und lerne und urteile nicht« (L-2.III.6:3-4,9). Der Liebe im Innern zuzuhören ist der Schlüssel, um anderen im Äußeren zuhören zu können. Das klingt leichter, als es vielleicht ist. Und doch: Dieser Akt des Beiseitetretens macht ruhig, und die Ruhe öffnet den Raum für die Wahrnehmung des tiefen Schmerzes und der Verlorenheit, die alle hinter dem äußeren Wahnsinn miteinander teilen. Alle Geschöpfe rufen nach Verbundenheit, und wir hören es nicht, wenn wir die Form des Rufs – das Verhalten und die Situation – beurteilen. Dann hören wir Sünde, weil wir in uns Sünde (sprich: Trennung) hören, und darauf reagieren wir. Welches konkrete Verhalten diese Einsicht nach sich zieht, kann je nach den Erfordernissen der Umstände sehr verschieden sein. Es gibt keine vorgefertigten Rezepte. Nur eines lässt sich sagen: Es wird von Ruhe begleitet und nicht von Ärger und Schuldgefühlen sein.

Im Kurs wird Vergebung auf der Ebene einer Innenwelt angesiedelt, von der wir nicht einmal wissen, dass wir sie überhaupt haben, denn wir kennen uns nur als psychophysisches Wesen: als ein mit Sinnesfunktionen, einem Gehirn und einer Psyche ausgestatteten Körper mit einer Geschichte, Ich. Wir aber brauchen Vergebung für unseren verzweifelten Geist, der weitaus älter ist als unser Körper-Ich. Wir brauchen Vergebung für den Wunsch nach Getrenntheit und die daraus resultierende Selbstverurteilung und Todesverliebtheit (im Kurs »Kreuzigung« genannt), von deren Wahrheitsgehalt wir unbewusst fest überzeugt sind.

Der Schlüssel für unsere Befreiung liegt in unserer berichtigten Wahrnehmung von der Welt, darin, dass wir nicht dem raschen Impuls des Urteilens und Angreifens folgen, sondern die Bereitwilligkeit entwickeln, beiseite zu treten in der Einsicht, dass wir nicht wirklich wissen, was für uns und für andere gut ist: »Wir wollen froh sein, dass auf dieser Welt wir wandeln können und derart viele Möglichkeiten finden, noch eine weitere Situation wahrzunehmen, in der die Gabe Gottes ein friedlicher, unschuldiger Geist wiederum als unsere wahrgenommen werden kann! Und so werden alle Spuren der Hölle, die geheimen Sünden und die versteckten Hassgefühle vergangen sein« (T-31.VIII.9:1-2). Das ist ein völlig anderer Blick auf unser Leben, auf die Motivation für unser Handeln, auf unsere Beziehungen und ihren Zweck in unserem Leben.

Im Kurs heißt es: »Verzeihen ist immer gerechtfertigt. Es hat eine sichere Basis« (T-30.VI.2:1-2). Doch nicht die Welt mit ihren Taten, sondern der Geist mit seinen Gedanken bildet den Bezugsrahmen für diese Aussage. In der versunkenen Welt des Geistes gibt es keine anderen. Es gibt keine getrennten Teile. Es gibt keine Gruppen, Ideologien, Eltern, Ehepartner oder Kinder und kein Ich, das mit ihnen in Konflikt ist. Es gibt nichts als Gedanken: wahnsinnige Gedanken im Kontrast zu friedlichen Gedanken. Es gibt die fiebrigen Egogedanken des Ich, ich, ich, die die Ganzheit des Geistes zu zerschlagen und in einen Kriegsschauplatz der getrennten Interessen zu verwandeln scheinen - und dennoch geschieht in Wirklichkeit gar nichts -, im Kontrast zum Frieden desselben Geistes, der die stille Antwort auf die Fieberfantasien des Ego bildet. Das ist der Heilige Geist, der nur eine wortlose Botschaft hat: Nichts ist im Geist geschehen und nichts kann geschehen, obwohl in der Welt »viel seither gesehen worden« ist (T-3.VII.5:7).

Wie wir uns fühlen und wie wir die sichtbare Welt mit ihren vielen Facetten erleben und auf sie reagieren, ist eine Folge der Antwort, die wir im Innern akzeptieren, und nicht dessen, was andere tun, sagen oder unterlassen. Das zu akzeptieren geschieht nicht auf einen Schlag; um wirksam zu sein, muss es gründlich gekaut werden: »Das ist die Wahrheit, die zuerst nur gesagt, dann viele Male wiederholt wird, um als Nächstes mit vielen Vorbehalten nur zum Teil als wahr akzeptiert zu werden. Dann aber wird sie immer ernstlicher erwogen und schließlich als die Wahrheit angenommen werden« (Ü-II.284.1:5-6).

In Lektion 121 »Vergebung ist der Schlüssel zum Glück« geht es daher nicht als Erstes um uns als Person und unsere Konflikte mit anderen Menschen. Stattdessen wird die darunter liegende Beziehung unseres Geistes zum Ego beschrieben, die große Not zur Folge hat: »Der Geist, der nicht vergibt, ist voller Angst und lässt der Liebe keinen Raum, sie selbst zu sein … Der Geist, der nicht vergibt, ist traurig, ohne Hoffnung auf eine Ruhepause und Erleichterung aus dem Schmerz; … er ist verwirrt über sich selbst und alles, was er sieht« (Ü-I.121). Diese Beziehung zum Ego und nicht die Beziehung zu anderen braucht Berichtigung. Die Berichtigung ist eine andere Beziehung – unser Vertrauen zu Jesus bzw. zum Heiligen Geist. Wohl jeder kennt phasenweise die Hoffnungslosigkeit, die Traurigkeit, den Schmerz und die Verwirrung, die hier beschrieben werden. Wir glauben, sie seien äußeren Umständen geschuldet, die wir lang und breit analysieren. Jetzt versuchen wir langsam zu verstehen, dass sie ein Ausdruck unseres unbewussten Glaubens an Schuld sind. Um den Frieden des Geistes wiedererkennen zu können, der bereits unser ist, entwickeln wir die Bereitwilligkeit, uns vom Heiligen Geist lehren zu lassen, Schuld anders zu erleben: nicht als vernichtende Wahrheit, sondern als Irrtum, der der Wahrheit nicht standhält. Das geschieht im Rahmen unserer Beziehung zu anderen. Die Schuld kommt uns scheinbar von außen entgegen, in unseren Beziehungspartnern, denn auf diese Weise nimmt der unbewusste Gedanke für uns Form an, und bei unserer Reaktion auf andere muss die Berichtigung beginnen. Auf der Verhaltensebene sind Grenzen oft unumgänglich, aber im Innern brauchen wir keine Grenzen in Form von Ärger zu errichten.

Letztlich vergeben wir anderen nicht für deren Egoattacken. Wir vergeben uns selbst dafür, dass wir besonders und getrennt bleiben wollten: besser als andere und anders als von der Liebe erschaffen. Das ist mit der folgenden Stelle gemeint: »Die Stimme, die du in einem anderen hörst, ist nur deine eigene. Was erbittet er von dir? Und höre gut hin! …Halte ein, bevor du Antwort gibst …Lass uns… stille sein… und uns daran erinnern, wie sehr wir nicht erkennen… Dieser Bruder geht neben uns auf demselben Weg. Er ist wie wir… Und nichts gewinnen wir, was er nicht mit uns gewinnt, und wir fallen zurück, wenn er nicht vorwärts geht« (T-31.II.5:11-13; 6:4,7).

Was für ein langer Weg, der äußerst langsam, sorgfältig, geduldig und vertrauensvoll gegangen werden muss: vom gerechtfertigten Angriffsdenken, das unsere Erfahrungen in der Welt uns nahelegen, hin zur versunkenen Innenwelt unseres Geistes von Schuld, die hinter den äußeren Konflikten steht, bis hin zu der frohen Einsicht am Ende des Weges, dass nichts davon uns gefangen setzt. Und endlich sind wir frei!

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