Einleitung: Jesus als Vorbild
Im vierten Akt von Shakespeares Othello sagt Desdemona, die von ihrem Mann kurz danach in einem Anfall von wahnhafter Eifersucht ermordet wird:
Wer Kinder unterrichtet,
Gibt ihnen freundlich leichte Arbeit auf
(IV. Aufzug, 2. Szene)
Auch wenn die Umstände, unter denen Desdemona diese Worte sagt, alles andere als freundlich sind – Othello hat sie gerade grausam als Hure bezeichnet –, spiegeln sie doch wunderbar Jesu Freundlichkeit mit uns, seinen jüngeren Geschwistern. Tatsächlich bezeichnet uns Jesus im gesamten Kurs als Kinder, denn von unserem spirituellen Gewahrsein her gleichen wir Kindern, weil wir uns über die Illusionshaftigkeit der Welt um uns herum nicht im Klaren sind. Daher brauchen wir einen älteren Bruder, der, ohne Leistungen abzuverlangen, die unsere Fähigkeiten übersteigen, uns freundlich im sanften Mittel der Vergebung und der leichten Arbeit unterrichtet, sie auf unsere besonderen Beziehungen anzuwenden. Im Folgenden wollen wir uns anschauen, wie sanft und freundlich Jesus mit uns umgeht, was ein Vorbild dafür ist, wie wir mit uns und anderen umgehen sollten.
Ein sanftes und freundliches Märchen
Wir beginnen mit der Betrachtung einer der deutlichsten, wenn auch oft missverstandenen Weisen, in der Jesus seine freundliche Sanftmut aufzeigt und das Prinzip veranschaulicht, dass man jene, die bereits Angst haben, nicht noch weiter in Angst versetzen sollte (T-2.IV.5). Wie er im Textbuch sagt, muss er
… sich … der Sprache bedienen, die dieser [getrennte] Geist in dem Zustand verstehen kann, in welchem er zu sein glaubt … [er] muss alles Lernen dazu nutzen, die Illusionen der Wahrheit zu übertragen, indem [er] alle falschen Ideen dessen, was du bist, nimmt und dich jenseits von ihnen zur Wahrheit führt, die jenseits ihrer ist (T-25.I.7:4-5).
Auf diese Weise bringt Jesus seine nondualistische Wahrheit in die furchtsame und dualistische Welt, in der wir, seine ängstlichen jüngeren Geschwister, uns wiederfinden, und richtet seine Botschaft der Vergebung an die schuldbesetzten Geister, die immer noch getrennt zu sein glauben. Mithilfe dieses sanften und liebevollen Mittels führt er uns durch die Illusionen hindurch zur Wahrheit.
Betrachten wir die Geschichte, die er uns von Gott und seiner »Antwort« auf die winzig kleine Wahnidee erzählt. Der Kurs lehrt, dass das Ego zuerst spricht und Unrecht hat (T-5.VI.3:5;4:2) und dass der Heilige Geist Geist die Antwort ist. Daher bewegt sich Jesu Antwort auf das Ego innerhalb des vom Ego gesteckten Rahmens, mit dem wir uns bereits identifiziert haben. Er behält diesen Rahmen bei, füllt ihn aber mit einem gütigen und liebevollen Inhalt, womit er die wichtige Lehre veranschaulicht, dass uns der Heilige Geist unsere besonderen Beziehungen nicht nimmt, sondern sie transformiert, indem er ihren Zweck ändert (z.B. T-17.IV.2:3-6).
Jesu sanftes und freundliches Märchen kündet seinen jüngeren Geschwistern gütig von der Liebe ihres Vaters und berichtigt damit den harschen, grausamen und täuschenden Albtraum von Gottes Zorn. Die Erzählung des Ego von Sünde, Schuld und Angst bezweckte, die Angst vor Gott in den Geist seines träumenden Sohnes zu pflanzen, um ihn dazu zu bewegen, sein Zuhause im gespaltenen Geist zu verlassen und eine geistlose Welt der Materie von Raum und Zeit zu machen, die von Körpern bewohnt ist. Wie das Ego dem Sohn daher einredete, war die Trennung aus seinem Wunsch entstanden, ein von seiner Quelle unabhängiges Selbst zu haben. Dieser Akt, vom Ego Sünde genannt, bedeutete die gewaltsame Aneignung von Gottes Schöpferrolle, ganz zu schweigen von seiner Vernichtung durch die Hand des Sohnes. Die daraus folgende Schuld erzeugte Angst vor den Konsequenzen, was den Sohn außer sich geraten ließ – buchstäblich und im übertragenen Sinn. In diesen geistlosen Traum des Selbsthasses und des Terrors tritt Jesus ein, um seine Brüder und Schwestern zu beruhigen, indem er ihnen eine andere Geschichte erzählt, eine, die sie trösten und segnen soll, während sie sie gleichzeitig sachte aus dem Ego-Albtraum der Schuld und des Todes weckt. Denken wir daran, wie die sanfte Berichtigung geschildert wird, die der Heilige Geist vornimmt:
Auf welch freundlichere Weise könntest du Kinder wecken als durch eine sanfte Stimme, die sie nicht erschreckt, sondern nur daran erinnert, dass die Nacht vergangen und das Licht gekommen ist? … Du versicherst ihnen einfach, dass sie jetzt sicher sind … Der Heilige Geist listet Irrtümer nie einzeln auf, weil er Kinder nicht erschreckt, und jene, denen es an Weisheit fehlt, sind Kinder … Kinder verwechseln sehr wohl Phantasie und Wirklichkeit und haben Angst, weil sie den Unterschied nicht begreifen. Der Heilige Geist unterscheidet nicht zwischen Träumen. Er leuchtet sie einfach hinweg (T-6.V.2:1,3; 4:1,3-5).
Während Jesus sich also der Sprache von Kindern bedient, um uns zu versichern, dass wir jetzt außer Gefahr sind, hält er uns sanft in seinen Armen und flüstert uns sachte zu: »Unser Vater ist nicht zornig. Ganz im Gegenteil: Er vermisst uns, ist einsam ohne uns und weint, weil wir von zu Hause weggelaufen sind. (T-2:III. 5:11; T-5.VII.4:5). Und überdies hat er als Beweis seiner Liebe für uns den Heiligen Geist geschaffen, damit er in unseren schlafenden Geist kommt und uns sanft von unseren Träumen der Verlassenheit und des Verrats weckt.«
In dieser freundlichen Geschichte wird uns die leichte Arbeit zugeteilt, die liebevolle Wahrheit der Worte Jesu zu akzeptieren, indem wir die harschen Töne des Egomärchens von Schuld und Schmerz zurückweisen. Würden wir nicht so sanft gehalten und liebevoll getröstet, wäre die Aufgabe, uns vom Ego abzuwenden, nahezu unmöglich zu vollbringen, und wir wären auf immer zu einem Leben der Vergeblichkeit verurteilt, in dem wir bitter mit den Egowahrheiten eines Lebens zurechtzukommen versuchen, das aus Angst geboren ist, in Angst gelebt wird und in Angst endet. Stattdessen bietet uns Jesus ein Leben an, das unter dem gütigen Mittel der Vergebung gelebt wird, dem wir uns jetzt zuwenden wollen. So holt er uns dort ab, wo wir zu sein glauben, und führt uns mit großer und liebevoller Fürsorge seinen leichten Pfad entlang, der uns in die liebevollen Arme zurückbringt, die wir nie verlassen haben.
Mit uns selbst sanft und freundlich sein
Ebender Umstand, hier in einem Körper zu sein und uns als Kursschüler zu betrachten, sagt uns, dass wir Geschöpfe der Angst sind, denn nur die Angsterfüllten kommen in den Traum, der diese Welt ist:
Angst ist das einzige Gefühl der Welt. Und sie hat viele Formen – wie du sie auch immer nennen willst –, ihr Inhalt ist hingegen eins … Ein jeder [Traum] birgt die ganze Angst, das Gegenteil der Liebe und die Hölle, welche die Erinnerung an Gott verbirgt, die Kreuzigung von seinem heilgen Sohn. (Die Gaben Gottes, S. 107 und 108)
Doch trotz der angsterregenden Aspekte des Weges, der aus der Welt herausführt, ist der Pfad der Vergebung sanft und freundlich, denn er verlangt so wenig von uns. Wie Jesus von seinem Kurs sagt:
Dieser Kurs verlangt fast nichts von dir. Man kann sich unmöglich einen Kurs vorstellen, der so wenig verlangt oder mehr anbieten könnte (T-20:VII.1:7-8).
Wir werden nicht darum gebeten, uns zu verändern oder spirituelle Herkulesaufgaben zu vollbringen, sondern nur, das Ego ohne Urteil anzuschauen:
Die Vergebung … ist still und tut ganz ruhig gar nichts … Sie schaut nur und wartet und urteilt nicht (Ü-II.1.4:1,3).
Keine Anstrengung ist daher erforderlich, außer dass wir unseren Widerstand gegen diesen sanften und freundlichen Prozess aufgeben, geboren aus der Angst, unsere besondere Identität zu verlieren. Es ist die Angst, ohne Besonderheit zu sein, die die Sanftheit der Vergebung zu einer schmerzhaften und schwierigen Erfahrung werden lässt. Und selbst hier werden wir nicht gebeten, gegen diese Angst anzukämpfen, weshalb Jesus uns sagt:
Und wenn du feststellst, dass der Widerstand stark ist und die Hingabe schwach, dann bist du nicht bereit. Bekämpfe dich nicht selbst (T-30.I.1:6-7).
Wir sind diejenigen, die den Prozess des Aufhebens schwierig machen, einfach durch unsere Reaktionen auf das Ego. Rufen wir uns das ursprüngliche Problem in Erinnerung:
In die Ewigkeit, wo alles eins ist, kam eine winzig kleine Wahnidee geschlichen, und Gottes Sohn vergaß, über sie zu lachen. Und weil er das vergaß, ist der Gedanke zu einer ernsten Idee geworden und sowohl der Umsetzung als auch realer Wirkungen fähig (T-27.VIII.6:2-3).
Das Problem war nicht die winzig kleine Wahnidee, von Gott getrennt zu sein, sondern vielmehr, auf das Ego zu hören und es ernst zu nehmen. Auf unsere tagtäglichen Erfahrungen übertragen, heißt das, dass nie die Formen – die äußerlichen Manifestationen der Schuld – das Problem sind, sondern unsere inneren Reaktionen auf diese Manifestationen. Wir werden mit anderen Worten nicht gebeten zu verleugnen, was unsere Augen sehen, sondern nur Nein zu sagen zu den Egointerpretationen dessen, was wir sehen – also die Schau statt das Urteil zu wählen. Jesus beim Loslassen unseres Widerstands um Hilfe zu bitten bedeutet also, den Widerstand ohne Urteil anzuschauen. Es ist keine Sünde, Angst zu haben – »du hast nicht gesündigt, aber du hast dich sehr geirrt« (T-19.IV-B.11:8). Uns jedoch dafür zu beurteilen macht aus dem Irrtum eine Sünde, die, wie wir glauben, Strafe verdient und nicht Berichtigung. Das Lachen nicht zu vergessen bedeutet in diesem Zusammenhang, imstande zu sein, uns dafür zu vergeben, dass wir Angst vor der Wahrheit haben. Da alle unsere Fehler nur einer sind, sind sie alle vergeben, wenn wir einer Manifestation des Fehlers vergeben. Alle Fehler sind ein Fehler, alle Berichtigungen sind eine Berichtigung – ungeachtet der jeweiligen Form:
Das winzige Sekündchen Zeit, in dem der erste Fehler gemacht wurde – und alle anderen in diesem einen Fehler –, enthielt auch die Berichtigung für diesen einen und für alle, die innerhalb des ersten kamen (T-26.V.3:5).
Ein solches Verständnis ist wunderbar befreiend, denn es erlaubt uns, nicht von den vielen Launen unserer wechselhaften Welt abhängig zu sein. Ungeachtet der äußeren Ereignisse oder der schwankenden Stimmungen unserer Mitmenschen können wir unseren Frieden wahren, wenn wir uns dafür entscheiden. Wir können daher sanft mit uns sein, denn unser Leben wird leicht, sobald wir von Jesus lernen, dass alle Beziehungen und Ereignisse dasselbe sind – nicht von der Form, sondern vom Inhalt her. Seine Liebe in unserem rechtgesinnten Geist bleibt konstant und bildet das Fundament für unsere sanfte Reaktion auf sämtliche Umstände in unserem Leben. So sind wir die schreckliche und endlose Last los, das Unvollkommene vollkommen zu machen, was man damit vergleichen könnte, Wasser in ein Sieb zu füllen – eine Aufgabe, die undankbarer und hoffnungsloser nicht sein könnte. Wir sind damit vom Plan des Ego befreit, der darin besteht, unsere Aufmerksamkeit vom Geist – der Quelle des Problems und der Antwort – abzulenken und uns nur auf das Äußere mitsamt mit den Schwierigkeiten eines Lebens im Körper zu konzentrieren. Das Problem ausschließlich in der fehlerhaften Entscheidung des Geistes für das Ego und die Lösung ausschließlich in der berichtigten Entscheidung des Geistes für den Heiligen Geist zu sehen vereinfacht unser Leben dadurch, dass es unsere Lernsituation vereinheitlicht. Jesus lädt uns ein, auf die Entscheidung des Geistes mit seiner Güte zu schauen und uns unsere Fehler zu vergeben, während wir für unsere leichten Lektionen dankbar sind.
Gehen wir jedoch nicht sanft und freundlich mit uns um und misslingt es uns, die Äußerungen unserer Angst zu übersehen, wie könnten wir dann sanft und freundlich mit anderen sein? Letztendlich ist die Vergebung natürlich eins – ganz gleich, ob wir uns oder anderen vergeben. Indem wir lernen, unserem eigenen Ego mit freundlicher Vergebung zu begegnen, wird der Prozess, mit anderen ebenso zu verfahren, leicht. Und so verlagern wir unsere Aufmerksamkeit auf die äußeren Manifestationen unserer besonderen Beziehung zum Ego, was das vom Kurs verwendete Mittel ist, um den Geist zu heilen.
Der sanfte und freundliche Weg,
unseren besonderen Beziehungen zu vergeben
Wenn wir Jesu bereits zitierten Worten über den Heiligen Geist folgen, werden wir anderen ihre Irrtümer nie einzeln vorhalten und danach trachten, ihre jeweiligen Sünden als gerechtfertigtes Futter für die hungrigen Hunde der Angst unseres Egos zu verwenden (T-19.IV-A.11-15). Entsprechend unseren Ausführungen im letzten Absatz würden wir erkennen, dass ungeachtet der Abscheulichkeit des Verbrechens oder der Ungeheuerlichkeit der Sünde die Tatsache bestehen bleibt, dass die letztliche Motivation für alles falschgesinnte Verhalten die Angst vor der Liebe ist. So ordnen wir es samt und sonders in eine Kategorie ein – aus der Angst geborene Fehler. Auf diese Weise gestatten wir dem Heiligen Geist, uns zu lehren, uns nicht vor den Träumen des Ego zu fürchten. Wenn wir Fehler statt Sünden wahrnehmen, gibt es keine Bösartigkeit. Daher kann es keine Angst vor Angriff geben und folglich keine Notwendigkeit der Verteidigung. Da Angst als Abwehr gegen die Wahrheit der Liebe also unnötig wird und überdies eine Illusion ist, könnte unsere Funktion nicht einfacher sein. Zu akzeptieren, was wahr ist, ist schließlich das Leichteste auf der Welt. Der Widerstand gegen diese Einfachheit ist es, der schwierig und aufreibend ist. Und so denken wir an die folgenden Worte Jesu, die Desdemonas ruhige Weisheit spiegeln:
Wie einfach ist doch die Erlösung! Alles, was sie aussagt, ist, dass das, was niemals wahr gewesen ist, auch jetzt nicht wahr ist und es niemals sein wird … Kann das denn schwer für jemanden zu lernen sein, der möchte, dass es wahr sei? Nur ein Unwille, das zu lernen, kann eine derart einfache Lektion schwierig machen … [Die Erlösung] lehrt allein das gänzlich Offensichtliche. Sie geht lediglich von einer offensichtlichen Lektion zu der nächsten – in leichten Schritten, die dich ohne jede Mühe sanftt von einer zu der nächsten führen (T-31.I.1:1-2,5-6; 2:3-4; Kursive v. Verf.)
Und an den im Handbuch für Lehrer genannten Weg aus dem Dilemma:
»Gib auf, was du nicht willst, und bewahre, was duwillst.« Wie einfach ist das Offensichtliche! Und wie leicht auszuführen! (H-4.I.6:6-8).
Wenn wir uns den Jesus des Kurses zum Vorbild nehmen, lernen wir, gütig und freundlich miteinander umzugehen, um die Schuld aufzugeben, die wir nicht wirklich wollen, und den Frieden zu akzeptieren, den wir wollen. Das ist jedoch unmöglich, solange uns unsere besonderen Bedürfnisse – bewusst oder nicht – in die Quere kommen, um unsere Wahrnehmung zu verzerren, so dass wir andere letztlich nur als getrennte Objekte sehen, die existieren, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Auf diese Weise sehen wir Schatten unserer Vergangenheit von Mangel und Entzug, die unsere gegenwärtigen Liebes- und Hasswahrnehmungen rechtfertigen. Unsere Brüder und Schwestern, Gefährten auf unserer Reise, werden als potenzielle Mittel fehlwahrgenommen, um unseren kannibalistischen Appetit auf die unschätzbaren Perlen der Unschuld zu stillen, die wir, wie das Ego uns sagt, verzweifelt für unser Überleben brauchen. Wie könnten wir uns also daran erinnern, dass wir »zusammen oder gar nicht« reisen (T-19.IV-D.12:8)?
Wer mein Buch über Helen Schucman, die den Kurs niederschrieb, kennt, erinnert sich vielleicht an die Episode an der Strandpromenade von Atlantic City:
Mehrmals in jenem Sommer wiederholte sich so etwas wie das »U-Bahn-Erlebnis«, das vor Jahren stattgefunden hatte, jedoch mit sehr viel weniger Intensität [eine Erfahrung, bei der Helen eine unbeschreibliche Liebe für die Menschen empfunden hatte, mit denen sie in der U-Bahn fuhr]. Es geschah im Allgemeinen in einer Ansammlung von Menschen, zu denen ich auf einmal eine kurze, aber starke Nähe verspürte. Eines dieser Erlebnisse ereignete sich an einem warmen Sommerabend, als Louis [Helens Ehemann] und ich auf der belebten Promenade eines Ferienortes spazieren gingen. Mich übermannte plötzlich ein Gefühl großer emotionaler Nähe zu jedem, begleitet von der klaren Einsicht und Gewissheit, dass wir alle zusammen dieselbe Reise zu einem gemeinsamen Ziel machten. (Jenseits der Glückseligkeit, S. 146)
In einem Brief, den sie im Sommer vor Beginn der Niederschrift des Kurses an Bill Thetford, ihren Partner bei der Niederschrift, richtete, rief Helen sich diesen Vorfall später ausführlich in Erinnerung:
Eines Abends deutete Jonathan [Helens »anderer« Name für Louis] beim Spazierengehen auf einen (etwa zwölfjährigen) hirngeschädigten Jungen, der von seinen Eltern im Rollstuhl geschoben wurde. Es waren auch noch andere Behinderte da. Während des Spaziergangs überkam mich plötzlich … das Gefühl, dass alle glücklich und ganz miteinander verbunden denselben Weg beschreiten … wir werden am Schluss alle nach Hause finden. Manchmal liebe ich alle sehr. (Jenseits der Glückseligkeit, S. 176)
Wie könnten wir nicht Liebe und Mitgefühl für alle Lebewesen empfinden – um Buddhas berühmte Lehre zu zitieren – , wenn wir wissen, dass wir dieselbe Behinderung der spirituellen Schwäche und dasselbe Bedürfnis miteinander teilen, vom Trennungsalbtraum des Leidens und des Schmerzes zu erwachen? Wie könnten wir nicht jeden sehr lieben, wenn wir erkennen, dass wir Teil desselben Selbst sind, das wieder versammelt werden muss, wie es in dem Gebet Jesu in dem gnostischen Text Die Oden Salomos vom Ende des 2. Jahrhunderts heißt:
Und ich säte meine Früchte in die Herzen und verwandelte sie in mich selbst: und sie empfingen meinen Segen und lebten.
Und sie versammelten sich zu mir und wurden errettet; weil sie für mich wie meine eigenen Glieder waren, und ich war ihr Haupt.
In einem anderen gnostischen Text Die zweite Abhandlung des großen Seth, der trotz seines Titels christlich ist, drückt Jesus denselben Gedanken aus: »Ich kam in mein Eigen und vereinigte sie mit mir.«
Jesus, der die Seinen zu sich versammelt, spiegelt die Wiedervereinigung der abgespaltenen Sohnschaft, die sich in der Welt der Materie fragmentiert hatte – nun wieder verbunden als ein Licht, eine Liebe, ein Sohn. Solange wir immer noch glauben, hier im Körper zu sein, zeigt sich diese Schau des Einsseins darin, dass wir den Erscheinungen von Trennung und Unterschieden, für die der Körper und die Welt Zeugnis ablegen, keine Macht geben. Während unsere Augen also eine Welt sehen, in der die Besonderheit regiert, erblickt unser geheilter Geist nur einen Ausdruck von Liebe oder Rufe nach ihr. In beiden Fällen kann unsere Reaktion, die aus Jesu Liebe für uns geboren ist, nichts anderes als Liebe sein. Und so bittet er uns:
Träume sanft von deinem sündenlosen Bruder, der sich in heiliger Unschuld mit dir vereint … Träume von [seinen] Freundlichkeiten …, statt dich in deinen Träumen mit seinen Fehlern aufzuhalten. Suche dir seine Umsicht aus, davon zu träumen, statt die Verletzungen aufzuzählen, die er gegeben hat … Und schiebe seine vielen Gaben nicht beiseite, weil er in deinen Träumen nicht vollkommen ist (T-27.VII.15:1,3-4,6).
In der Tat ist hier niemand vollkommen, und es wäre wohl kaum liebevoll, darauf zu beharren, dass wir oder andere ohne Fehl und Tadel zu sein haben. Doch wir können uns erlauben, den Schmerz hinter den Unvollkommenheiten eines jeden, unsere eingeschlossen, zu spüren und damit freundlich auf die Fehler eines anderen zu schauen und die Angst hinter den dysfunktionalen Versuchen zu erkennen, irgendwie auf Kosten eines anderen zu überleben – was schlechthin der Fehler der Welt ist. Hinter diesen Egogedanken tragen wir alle die Erinnerung an unsere Vollkommenheit als Gottes Sohn in uns, eins mit ihm und der gesamten Schöpfung. Daher ist der Graben zwischen dieser vollkommenen Erinnerung und unserer unvollkommenen Erfahrung der Sitz allen Schmerzes und aller Angst, wie im Folgenden deutlich wird:
Der Graben ist klein. Und doch birgt er den Keim der Pest und jeder Form von Krankheit, weil er ein Wunsch, getrennt zu bleiben und sich nicht zu verbinden, ist … Der Zweck des Grabens ist die ganze Ursache, die die Krankheit hat. Denn er wurde gemacht, um dich getrennt zu halten in einem Körper, den du siehst, als wäre er die Ursache von Schmerz (T-28.III.4:2-3,5-6).
Niemand geht durch diese Welt, ohne zu versuchen, diesen tiefen Schmerz zu bewältigen, dessen Ursache im Graben der Trennung verborgen liegt, denn alle irren hier umher, »ungewiss, einsam und in ständiger Angst« (T-31.VIII.7:1). Einige verleugnen das unter den besonderen Deckmänteln des Glücks, des Friedens und der Liebe, während andere den Schmerz direkt projizieren und danach trachten, ihn anderen anzulasten und die Verantwortung für ihr eigenes Leiden von sich wegzuschieben. Doch Jesu Güte uns gegenüber, die sein sanftes Mittel und seine leichte Arbeit widerspiegelt, wird zu unserem Modell, um auf die Angst eines anderen zu reagieren, unabhängig davon, wie sie sich ausdrückt. Wenn wir seine von Vergebung erfüllte Liebe erfahren haben, sind wir imstande, vom Ego beiseitezutreten und es der sanften Güte seiner Liebe zu erlauben, leicht durch unseren Geist zu fließen und jene zu umfangen, die sie vielleicht nicht kennen. So schenken wir die Gabe, die wir empfangen haben, und werden eins mit ihr – sowohl mit ihrer Quelle als auch mit ihren Wirkungen. Mit einer Freude, die nicht von dieser Welt ist, können wir gemeinsam mit Jesus zu unserem Gott beten:
Ich strecke meine Hand in freudigem Willkommen zu jedem Bruder aus, der sich mit mir verbinden möchte, um über die Versuchung hinauszugelangen, und der mit fester Entschlossenheit zum Licht schaut, das vollkommen konstant dahinter leuchtet … Und während jeder Einzelne die Wahl trifft, sich mit mir zu verbinden, schwillt das Lied des Dankes von der Erde bis zum Himmel an, von kleinen, weit verstreuten Melodienfetzen zu einem umfassenden Choral aus einer Welt, die erlöst ist von der Hölle und dir Dank sagt (T-31.VIII.11:1,5).
Und so öffnen wir unsere Arme in Sanftmut, um all jene liebevoll zu halten, die sich immer noch vor ihr fürchten. Und während wir die Zitternden trösten, ruft ihnen unsere Liebe das sanfte Mittel und die leichte Arbeit ins Gedächtnis, mit denen wir diese ruhige Mitte erreicht haben, den Garten der Liebe, der die Welt zu sich winkt, die immer noch glaubt, in einer Wüste des Todes zu leben:
Die Wüste wird zu einem Garten, grün, tief und still, und bietet denen Rast an, die den Weg verloren haben und im Staube irren. Gib ihnen einen Ort der Zuflucht, durch die Liebe dort für sie bereitet, wo einst Wüste war … Die Liebe, die sie mitgebracht, wird bei ihnen bleiben, wie sie auch bei dir bleiben wird. Und unter ihrer Mildtätigkeit wird sich dein kleiner Garten ausbreiten und bis zu jedem reichen, der nach lebendigem Wasser dürstet, aber zu müde geworden ist, um allein weiterzugehen ... Und du wirst dich selbst wiedererkennen und sehen, wie dein kleiner Garten sanft in das Himmelreich verwandelt wird, wobei die ganze Liebe seines Schöpfers auf ihn leuchtet (T-18.VIII.9:3-4,7-8;10:4).
Welch eine Freude ist es zu geben, was wir empfangen haben! Wie groß ist unsere Dankbarkeit dem liebevollen Bruder gegenüber, dessen Sanftmut uns diese Freude brachte! Wie geliebt wir sind, denn die Liebe hat nie aufgehört, uns nach Hause zu rufen! So antworten wir alle zusammen auf den Ruf, denn er singt in uns allen als eins und ruft uns auf, den leichten Weg der Vergebung zu beschreiten, liebevoll geführt von der ruhigen Weisheit der Liebe, auf dass wir wie sie selbst sein mögen.
![]() | Druckversion | Seitenanfang ↑ |
Copyright © Greuthof Verlag und Vertrieb GmbH | Impressum | Datenschutzerklärung